Wenn der Anspruch höher ist als die Realität
Ein Kommentar des Herausgebers
Wenn gute Ideen im alten Denken stecken bleiben

Mit großem Interesse haben wir vom GehZeit Magazin die Entwicklungen rund um eine neue Gehfussball-Initiative verfolgt. Die gemachte Ankündigung klang vielversprechend: ein Traditionsverein wagt den Schritt in eine sportliche Zukunft mit einem inklusiven, innovativen Angebot. „Gehfußball für alle“ – das weckte Erwartungen und Hoffnungen, gerade bei jenen, die den Gedanken von Walking Football als chancengerechten und generationsübergreifenden Sport verstehen.
Doch schon unser Titel hier „Wenn der Anspruch höher ist als die Realität“ bringt es ernüchternd auf den Punkt. Statt der angekündigten Offenheit und Neuausrichtung ist offenbar eine klassische „Alte-Herren“-Runde entstanden – und das ist in Ordnung, aber eben nicht das, was versprochen wurde.
Walking Football lebt vom Gedanken der Inklusion, Barrierefreiheit und Beteiligung. Es geht nicht nur darum, älteren Spielern eine Alternative zu bieten, sondern bewusst neue Zielgruppen zu gewinnen: Frauen, gesundheitlich eingeschränkte Menschen, Menschen mit wenig Sporterfahrung.
Wenn eine solche Chance – mit Ansage – ungenutzt bleibt, wirkt das wie ein Rückfall in alte Strukturen. Wer sich öffentlichkeitswirksam aufmacht, etwas Neues zu schaffen, muss auch bereit sein, vertraute Komfortzonen zu verlassen. Nur dann entsteht echte Veränderung.
Unser Appell: Wer Gehfußball ernst meint, muss auch den gesellschaftlichen Anspruch ernst nehmen. Und wer nur eine neue Spielrunde für Ü60-Männer gründen will, darf das gern tun – aber sollte es auch so benennen. Gehfussball in Deutschland steht für Bewegung – auch im Denken.
Welche Strukturen schaden der Sportart Gehfußball – und dem Anspruch auf Teilhabe?
Gehfußball versteht sich als eine niedrigschwellige, inklusive Sportform. Doch dieser Anspruch wird oft durch tief verankerte gesellschaftliche Strukturen unterlaufen. Dazu zählen insbesondere:
Patriarchale Machtverhältnisse, die Männer als Norm im Sport etablieren und andere Geschlechteridentitäten systematisch ausschließen oder marginalisieren.
Rassismus, der nicht nur durch offene Diskriminierung, sondern auch durch fehlende kulturelle Sensibilität, Sprachbarrieren und institutionelle Benachteiligung wirkt.
Strukturelle Barrieren für Menschen mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, die im organisierten Sport noch immer als „Sonderfall“ behandelt werden – statt als selbstverständlicher Teil der Gemeinschaft.
Ausschlussmechanismen gegenüber FLINTA* (Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Personen), deren Bedürfnisse und Perspektiven in klassischen Vereinsstrukturen selten mitgedacht werden.
Mangelhafte Integrationsarbeit, die Zugewanderte und Menschen mit Migrationsgeschichte eher als Gäste denn als gleichberechtigte Mitglieder begreift.
Diese Strukturen sind nicht nur Hindernisse – sie widersprechen direkt dem Grundgedanken von Walking Football: Teilhabe, Gemeinschaft und Fairness auf Augenhöhe.
Wenn der Gehfußball seinem Anspruch gerecht werden will, muss er sich aktiv gegen diese Ausgrenzungen stellen. Dazu gehört: bewusstes Einladen, echtes Mitgestaltenlassen, Ressourcen bereitstellen – und auch unbequeme Fragen aushalten.

