Die unterschätzte Sportart
Walking Football: Wie eine Familie aus Mecklenburg-Vorpommern eine unterschätzte Sportart für sich entdeckt – und ein Freizeitteam beim PSV Wismar aufblüht

Wismar – „Walking Football ist wie Schach mit dem Ball“, sagt Paul (66), der gemeinsam mit seiner Frau Andrea (64) und Sohn Max (42) jeden Mittwochabend auf dem Sportplatz des PSV Wismar steht. Was wie ein ruhiger Spaziergang mit Ball aussieht, entpuppt sich für viele als taktisch anspruchsvolles und überraschend fesselndes Spiel.
Die Familie war zunächst skeptisch, als sie über Bekannte von der Sportart hörte. „Fußball ohne Rennen? Das klang für uns erst mal seltsam“, erinnert sich Andrea. Doch schon nach der ersten Trainingseinheit war klar: Hier geht es nicht nur ums Gehen – hier zählen Übersicht, clevere Pässe und Teamgeist.
„Nach zehn Minuten waren wir voll drin. Jeder Pass, jede Bewegung ist durchdacht. Man muss sich gut positionieren, weil man eben nicht einfach hinterherrennen kann“, sagt Max.
„Das ist anspruchsvoll und inklusiv zugleich.“
In Deutschland wird Walking Football zumeist ohne Torhüter gespielt, doch international ist das anders: In Kanada etwa gehören Keeper ganz selbstverständlich dazu – dort entwickelt sich gerade eine dynamische Szene rund um das Spiel auf zwei Beinen.
Ein besonders starkes Signal: In Pickering, Ontario, fand jüngst das erste internationale Walking-Soccer-Turnier für Frauen in Nordamerika statt. Teams aus Kanada und den Britischen Inseln – darunter das „Celtic Nations Women’s Team“ – nahmen teil. Organisiert wurde das Event vom Toronto Walking Soccer Club, der damit Geschichte schrieb.
Die Ursprünge des Sports liegen in England, wo er 2011 vom damaligen Chesterfield-Vereinschef John Crute initiiert wurde. Heute zählt das Vereinigte Königreich über 200.000 aktive Spieler:innen. Auch weltweit wächst die Szene rasant – mit Clubs in Neuseeland, Australien, Frankreich, Spanien, Thailand, Nigeria und Ruanda. Spanien wird im Oktober sogar Gastgeber des World Nations Cup im Walking Football.
„Viele hören im Alter mit Fußball auf, weil sie Angst vor Verletzungen haben“, sagt Andrea. „Walking Football gibt uns die Freude am Spiel zurück – ohne Risiko, aber mit echtem Wettkampfgefühl.“
Der PSV Wismar verzeichnet seit dem Frühjahr einen stetigen Zulauf. Zwischen zwölf und zwanzig Neugierige finden sich mittwochs zum Spiel ein – Frauen und Männer, der Jüngste 40, der Älteste 75. Für viele ist es eine sportliche Wiederentdeckung, für andere ein ganz neuer Zugang zum Teamsport.
„Hier zählt nicht, wie schnell du bist – sondern, wie gut du denkst“, meint Paul schmunzelnd. „Und das tut Körper und Kopf gleichermaßen gut.“
Walking Football: eine stille Revolution auf dem Rasen – mit dem Potenzial, generationsübergreifend zu verbinden. Auch beim PSV Wismar.

