Walking Football – Zurück ins Team, zurück ins Leben
Fußball im Gehen klingt gemütlich – doch hinter Walking Football steckt weit mehr als ein entschleunigtes Spiel. Für Steffan, den wir hier in der Rubrik „GehKöpfe“ vorstellen und seine Mitspieler beim TV Neuenburg bedeutet es vor allem Gemeinschaft, Gesundheit und das Wiederentdecken alter Fußballgefühle. Eine Sportart, die den Kreis schließt.

Als Steffan Ende 2021 auf Facebook eine Anzeige las, ahnte er noch nicht, dass diese sein Fußballerleben neu entfachen würde. Gesucht wurden Spieler der Generation 50+, um beim TV Neuenburg eine neue Variante des Spiels zu etablieren: Walking Football – Fußball im Gehen.
Für den heute leidenschaftlichen Gehfußballer bedeutete der erste Trainingstag im April 2022 mehr als nur ein sportliches Comeback. „Es war, als hätte sich ein Kreis geschlossen“, sagt er. Der Satz ist für ihn tief persönlich: Als Kind auf dem Bolzplatz angefangen, dann im Verein Teil einer Mannschaft geworden – mit all den Tugenden, Freundschaften und Ritualen, die dazu gehören. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere war er plötzlich kein Teil eines Teams mehr. „Dieses große Gefühl, gebraucht zu werden, war weg. Beim Walking Football habe ich es zurückbekommen.“
Ein Spiel mit anderen Regeln – und anderem Geist
Beim Walking Football gibt es kein Rennen, kein hartes Einsteigen. Für Steffan, der früher als kompromissloser „Sechser“ körperliche Zweikämpfe liebte, war das zunächst eine Umstellung – aber eine, die ihm entgegenkam. „Die Regeln passen perfekt zu dem, was ich heute noch leisten kann.“
Der körperliche Anspruch ist dennoch nicht zu unterschätzen. Viele Neulinge staunen nach dem ersten Training, wie anstrengend es trotz Gehens sein kann – Muskelkater am nächsten Tag inklusive. Mental jedoch steht etwas anderes im Vordergrund: weniger Ehrgeiz, mehr Miteinander. „Ich gönne einem 75-jährigen Gegenspieler die Zeit, den Ball anzunehmen. Wir halten die Walking-Football-Kultur hoch – seit drei Jahren ist kein böses Wort gefallen.“
Mehr als Sport – ein soziales Netz
Für viele ehemalige Fußballer stillt Walking Football eine tiefe Sehnsucht. Das Gefühl, wieder Teil einer Mannschaft zu sein, feste Termine zu haben, gebraucht zu werden – und ja, auch der „Kabinenmief“. In der „Dritten Halbzeit“ nach dem Spiel werden kleine und große Sorgen geteilt. „Du bist mit deinen Themen nicht alleine“, sagt Steffan.
Ein Moment, der ihm besonders im Gedächtnis blieb, ereignete sich nicht auf dem Platz, sondern in der Umkleide: Vor dem zweiten Training sagte Mitspieler Kurt zu ihm: „Was habe ich mich auf den heutigen Donnerstag gefreut – und nach dem Training warten wir auf den nächsten.“ Für viele ist dieser Tag inzwischen der Höhepunkt der Woche.
Vorurteile schwinden – Begeisterung wächst
Anfangs wurden Walking-Football-Spieler von manchen belächelt, als „Stehgeiger“ verspottet. Viele fürchteten um ihren alten Ruf. „Wer es aber einmal ausprobiert hat, ist geblieben.“ Heute spielen auch ehemalige Kritiker beim TV Neuenburg. Der Verein selbst unterstützt die Mannschaft tatkräftig – von Trainingsanzügen bis hin zu einem eigenen Platz mit Flutlicht.
Spielwitz trotz gemächlichem Tempo
Taktik spielt eine wichtige Rolle: präzises Passspiel, vorausschauendes Denken und geschicktes Zustellen von Räumen. Für Steffan bleibt jedoch der Spaß das Wichtigste: „Jeder sollte im Training seine Erfolgserlebnisse haben.“ Regeln möchte er eher im Sinne der Fairness verschärfen – etwa durch ein konsequentes Verbot von Körperkontakt. Einen Ligabetrieb lehnt er ab, um den Leistungsdruck gering zu halten und alle Spieler einzubinden.
Gemeinschaft, die trägt
Neben Turnieren im Ausland gehören auch Skatabende und Fahrradtouren zum Vereinsleben. Vorbilder wie Gerold, 84 Jahre alt und immer noch aktiv, motivieren zusätzlich. „Ich hoffe, ich kann es ihm nachmachen.“
Und was rät Steffan Unentschlossenen? „Kommt einfach einmal mit zum Training. Mehr verlange ich nicht.“
Wenn er Walking Football in drei Worten beschreiben müsste, wären es: Glücklich. Bewegung. Spaß.

