Walking Football is more …
Nadja Pilzweger über Walking Football zwischen Gesundheit, Haltung und Hygge

Es gibt Interviews, die beantworten Fragen. Und es gibt Gespräche, die erklären eine Haltung. Das Mail-Interview mit Nadja gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Es ist die Geschichte einer Sportform, die nie „Fußball light“ war – sondern von Anfang an mehr: sozial, international, verbindend. Und manchmal auch unbequem ehrlich.
Pionierzeit statt Nebenrolle
Als 2016 erstmals über Walking Football gesprochen wurde, war für Nadja sofort klar: Das passt. Nicht irgendwann, nicht vielleicht – sofort. Beim SV Werder Bremen traf die Idee auf ein Umfeld, das bereit war, Verantwortung zu übernehmen. Gemeinsam mit dem VfL Wolfsburg gehörte Werder zu den ersten Leuchttürmen in Deutschland. Möglich gemacht durch die Initiative der EFDN, getragen von Menschen, die an den Mehrwert glaubten – nicht an Tabellen.
Walking Football war von Beginn an Teil eines größeren Gedankens: Fußball als Lebensraum. Als Nadja 2008 von Arminia Bielefeld nach Bremen wechselte, um Mitgliederprojekte wie „60plus“ aufzubauen, war „SV“ nie nur ein Kürzel. Soziale Verantwortung war Programm – und wurde gelebt. Walking Football passte da nicht nur rein, es erweiterte den Horizont.
Technik, Tempo – und Respekt
Für Nadja ist Walking Football kein Ersatz, sondern eine eigenständige Spielform. Technisch, anspruchsvoll, bewusst langsamer – und ohne Körperkontakt. Auf dem Platz standen früh ehemalige Kicker neben Menschen, die vorher nie Fußball gespielt hatten. Die Mischung funktionierte. Nicht trotz, sondern wegen der Unterschiede.
Gesundheit spielte dabei immer eine zentrale Rolle: kontaktarm, ohne Torwart, mit Fokus auf den Ball statt auf das Dribbling. Oder, wie Nadja es formuliert: Auch Menschen mit „Ersatzteilen“ gehören selbstverständlich dazu. Humor hilft. Haltung noch mehr.
International gedacht – von Anfang an
Schnell wurde klar: Walking Football endet nicht an Landesgrenzen. Begegnungen mit Teams aus den Niederlanden, gemeinsame Ligen, Freundschaften. „Passion beyond borders“ war kein Slogan, sondern Realität. Genau hier zeigt sich, was diese Sportart trägt: Austausch, dritte Halbzeit, Wiedersehen.
Ein besonderes Kapitel schreibt dabei der Almelo City Cup. Vor allem im Damenbereich erlebt Nadja dort eine andere Atmosphäre: fairer, verbindender – und trotzdem hochkompetitiv. Möglich gemacht durch das Engagement von Goldstars Heracles Almelo, die Frauenförderung nicht ankündigen, sondern umsetzen.
Frauen verändern das Spiel
Nadja spart nicht mit klaren Worten: Mehr Frauen im Walking Football würden dem Spiel guttun. Die sportliche Härte nähme ab, Fairness würde sichtbarer. Internationale Netzwerke – bis nach England – zeigen, was möglich ist: Altersklassen, Inklusionsteams, sogar „Rest of the World“-Formationen. Fußball als gemeinsamer Nenner, nicht als Abgrenzung.
Deutschland hinkt hier noch hinterher. Zu wenige Frauen, zu wenig gezielte Förderung. Dabei liegt genau darin eine große Zukunftschance.
Neustart in Dänemark

Nach dem Umzug nach Dänemark stellte Nadja fest: Walking Football? Gab es so nicht. Also wurde aufgebaut. Beim Sønderborg Boldklub traf sie auf Offenheit – und entwickelte Schritt für Schritt ein eigenes Angebot. Ein Auftaktturnier mit Freunden aus Almelo, Bremen und Bielefeld setzte den Startpunkt. Acht Teilnehmende wurden schnell dreißig.
Gemeinsam mit dem dänischen Verband DBU entstand sogar ein Regelwerk, das Vereinen Wahlfreiheit lässt – mit oder ohne Torwart. Pragmatismus statt Dogma. Auch das ist Walking Football.
Zwischen Wettbewerb und Verantwortung
Kritisch wird Nadja dort, wo der sportliche Erfolg alles überlagert. Ligen, Pokale, Prestige – all das hat seinen Platz. Aber was ist mit Teams, die aus gesundheitlichen oder inklusiven Gründen nicht mithalten können? Hier braucht es Verantwortliche, die den Rahmen setzen: Erfolg kann auch Teilhabe sein. Ein Tor. Ein gemeinsames Foto. Ein Gespräch danach.
Ihr Appell ist klar – und charmant bestimmt: Trainerinnen und Trainer dürfen eingreifen. Für Ausgleich sorgen. Freude ermöglichen. Denn manchmal ist ein einziges Tor wertvoller als ein Pokal.
Blick nach vorn
In zehn Jahren, so Nadjas Hoffnung, wird Walking Football so selbstverständlich sein wie in England: Altersklassen, Ausbildungsstrukturen, Unterstützung durch Verbände. Vielleicht sogar Anerkennung als Gesundheitssport mit entsprechender Förderung. Der Weg dahin ist offen – aber nicht automatisch.
Zum Schluss fasst Nadja Walking Football in einem Satz zusammen, ohne das Wort „gehen“ zu benutzen:
„Gesund und körperbewusst Fußball spielen – anschließend ganz viel Hygge.“
Man könnte es auch so sagen: Das Spiel hört nicht beim Abpfiff auf. Und genau deshalb geht es weiter.

