Walking Football in Italien – Zwischen Tradition und Vision

Wir trafen den Vizepräsidenten des Verbands Walking Football Italia, Vito Gibin, beim Training der Squadra Novarello WF. Zwischen Spielfeld, Mannschaftskabine und „Dritter Halbzeit“ der besonderen Atmosphäre des traditionsreichen Clubs berichtete er von den Anfängen des Walking Football in Italien, den Erfolgen und Herausforderungen – und von seiner Vision, wie diese besondere Form des Fußballs die Zukunft des Sports prägen kann.

Rolf Allerdissen trainierte in Novarello an der Seite von Vito Gibin.

Wenn in Italien von der Wiege des Walking Football die Rede ist, fällt der Name Novarello fast automatisch. Dort nahm eine Bewegung ihren Anfang, die mittlerweile in ganz Europa Aufmerksamkeit erregt. Einer, der die Entwicklung von Beginn an begleitet und vorantreibt, ist Vito Gibin, Vizepräsident von Walking Football Italia.

Ein sportlicher Neuanfang mit 60

„Mit 60 wollte ich eigentlich mit dem Fußball aufhören – mein Körper hatte mir schon einige Warnungen geschickt“, erinnert sich Gibin. Doch über den Präsidenten der Sportveteranen in Novara stieß er auf das damals neue Konzept des Walking Football. Bei einem Freundschaftsspiel sei es „Liebe auf den ersten Blick“ gewesen. Der Wendepunkt kam 2018: Auf Einladung der englischen Walking Football Association reiste Gibin nach Brighton, um am ersten internationalen Spiel zwischen England und Italien teilzunehmen. „Da wurde mir klar: Wenn sie es in England schaffen, warum nicht auch bei uns in Italien?“

Novarello als „Wiege“ des Sports

Dass Novarello heute als „culla“ – als Wiege – des italienischen Walking Football gilt, liegt nicht nur an der starken Basis in der Region Piemont. Hier fanden auch die ersten nationalen Meisterschaften statt. „2018 traten fünf Mannschaften an, alle aus dem Piemont. Für uns war es der erste Schritt, auch wenn viele die Potenziale damals noch nicht erkannten.“

Wachstum durch Gemeinschaft und Engagement

Heute zählt Walking Football Italia rund 50 Vereine, 70 Teams in fünf Kategorien und etwa 850 registrierte Spielerinnen und Spieler.

Das Memorial Sadocco – Herzstück des italienischen Walking Football

Ein besonderes Aushängeschild ist das Memorial Sadocco, das 2025 bereits in seiner 22. Auflage stattfand. „Das war ein anstrengender Weg“, erzählt Gibin. „Beim Memorial 2022 – es war die 19. Ausgabe, alle vorherigen Turniere wurden im klassischen Fußball gespielt – traten erstmals vier Teams im Walking Football an. Durch die internationalen Kontakte, die ich seit 2018 knüpfen konnte, ist es uns gelungen, das Turnier Schritt für Schritt auszubauen. So hatten wir 2024 und 2025 jeweils 49 Mannschaften am Start – ein großer Grund für unseren Stolz.“

Doch eine solche Dimension sei eine enorme Herausforderung: „Die Arbeit beginnt praktisch schon am Tag nach dem Memorial. Neben der diplomatischen Arbeit, um internationale und italienische Teams aus allen Alters- und Geschlechterklassen einzuladen, gibt es die unermüdliche Arbeit aller Mitglieder, Spieler und Verantwortlichen des Novarello WF Clubs.“

Die Mühe lohne sich jedoch: „Die positiven Rückmeldungen und Komplimente aller teilnehmenden Teams in den letzten zwei Jahren sind für uns die schönste Belohnung.“

Gesundheit, Freundschaft und die „dritte Halbzeit“

Die Spielerinnen und Spieler in Italien verbindet vor allem eines: die Leidenschaft für den Fußball. „99 Prozent haben früher aktiv gespielt, vom Profi bis zum Amateur. Walking Football verlängert dieses Erlebnis – das Gefühl, wieder auf dem Platz zu stehen, ein Tor zu schießen oder eine Parade zu machen.“ Doch es gehe nicht nur um Bewegung, sondern auch um Begegnung: „Nach zwei Halbzeiten auf dem Feld folgt die dritte Halbzeit am Tisch – bei Gesprächen, Lachen und Gemeinschaft.“

Zwischen Amateuren und Ex-Profis

Auch ehemalige Profis haben längst ihren Platz im Walking Football gefunden. „Es ist wie Fahrradfahren – man verlernt es nicht“, sagt Gibin. Dennoch würden die Ex-Profis heute auf Augenhöhe mit Amateuren spielen, ohne Sonderstatus: „Die Freude am Spiel steht über allem.“

Mehr als Sport: Soziale und gesundheitliche Wirkung

Walking Football sei in Italien mehr als nur ein Spiel für ältere Generationen. „Es bringt uns zurück zu Freundschaften aus der Jugend, stärkt körperliche und mentale Gesundheit und schenkt Lebensfreude.“ Projekte, bei denen auch Menschen mit Behinderungen oder Jugendliche mit mentalen Einschränkungen mitspielen, hätten gezeigt, wie integrativ der Sport wirken kann. Initiativen zu Parkinson oder Diabetes seien in Vorbereitung.

Herausforderungen: Bekanntheit und Finanzierung

Doch die Bewegung steht auch vor Hürden. „Wir müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten, um neue Spieler und Unterstützer zu gewinnen. Bisher finanzieren sich die meisten Aktivitäten durch den Einsatz engagierter Mitglieder – Sponsoren fehlen noch.“

Erfolge und Sichtbarkeit

Links Domenico Volpati, der 1984/85 mit Verona die Serie A gewann und zu diesem Zeitpunkt Spieler unserer Walking-Football-Nationalmannschaft war. In der Mitte Sara Benci, die Moderatorin. Daneben Pierluigi Rossi, Manager unserer Nationalmannschaft Ü60, und Vito Gibin.

Einer der größten Momente war für Gibin 2019 der Auftritt bei Sky Italia, wo Walking Football in einer 27-minütigen Live-Sendung vorgestellt wurde. „Das war unbezahlbar und hat dem Sport Sichtbarkeit verschafft.“

Frauen im Fokus

Ein besonderes Anliegen ist Gibin die stärkere Beteiligung von Frauen. „Leider ist die Zahl der ehemaligen Fußballerinnen in Italien geringer als die der Männer. Zudem tragen viele Frauen nach wie vor große familiäre Verantwortung.“ Dennoch wolle man alles daransetzen, mehr Spielerinnen zu gewinnen: „Es ist eines unserer Hauptziele.“

Blick nach Europa – und in die Zukunft

International ist Walking Football Italia eng vernetzt. „Wir stehen in Kontakt mit vielen europäischen Ländern. Das Ziel ist eine stärkere Harmonisierung der Regeln, auch unter dem Dach der UEFA.“

Für die Zukunft zeigt sich Gibin optimistisch: „Wir sind im Gespräch mit der Nationalen Fußballföderation, um Ligen und Meisterschaften aufzubauen. Auch wenn ich es vielleicht nicht mehr erlebe – eines Tages wird Walking Football olympisch sein.“

Es bleibt jetzt nur noch die Frage offen: Welche deutsche Mannschaft wird die Erste sein, die zwischen dem 1. Mai und dem 3. Mai 2025 beim Turnier in Novarello Deutschland repräsentiert?

Meilensteine des Walking Football in Italien

  • 2016 – Vito Gibin entdeckt Walking Football über die Sportveteranen in Novara und spielt erstmals.
  • 2018 – Einladung nach Brighton: Erstes internationales Spiel England–Italien.
  • 2018 – Novarello richtet die erste nationale Meisterschaft mit 5 Teams aus.
  • 2019 – TV-Auftritt bei Sky Italia verschafft Walking Football landesweite Aufmerksamkeit.
  • 2022 – Memorial Sadocco wird zum Großereignis mit internationalen Teams.
  • 2024 – Walking Football Italia umfasst ca. 50 Clubs, 70 Teams in 5 Kategorien und rund 850 aktive Spielerinnen und Spieler.
  • Zukunft – Aufbau einer nationalen Liga, stärkere Einbindung von Frauen, Kooperation mit der Nationalen Fußballföderation – und die Vision: Walking Football als olympische Sportart.