Langsam ist das neue Schnell
Walking Football in Friesland (Teil 1: Westfriesland)
Wie SC Cambuur und seine OldStars eine Bewegung ins Rollen bringen
Leeuwarden – Es ist Mittwochvormittag, halb zehn. Auf dem Kunstrasenplatz neben dem Cambuur-Stadion herrscht geschäftiges Treiben. Männer und Frauen im Rentenalter ziehen ihre Schuhe fest, lachen, klopfen sich gegenseitig auf die Schulter. Kein Dröhnen lauter Musik, kein aggressives Sprinten – stattdessen: ruhige Schritte, präzise Pässe, konzentrierte Gesichter.
Willkommen bei den OldStars Walking Football des SC Cambuur.

Ein Sport für alle, die nicht stillsitzen wollen
Walking Football – also „Gehfußball“ – ist längst mehr als ein kurioser Trend. In ganz Friesland finden sich immer mehr Teams, in denen Menschen über 60 Fußball spielen, ohne zu rennen oder zu grätschen. Es ist eine sanfte, soziale und überraschend intensive Art, in Bewegung zu bleiben.
In Westfriesland – dem westlichen Teil der Provinz Fryslân – gilt SC Cambuur als Pionier. Seit fast zehn Jahren läuft hier das Programm OldStars Walking Football, organisiert von der Stiftung Cambuur Verbindt. „Wir wollten etwas schaffen, das mehr ist als Sport“, erklärt Koordinatorin Marijke de Jong von Cambuur Verbindt. „Hier geht es um Gemeinschaft, Gesundheit und Lebensfreude. Niemand ist zu alt, um Teil einer Mannschaft zu sein.“

Die dritte Halbzeit zählt genauso
Das Training der OldStars beginnt nie auf dem Platz. Zuerst gibt es Kaffee, Tee und Klönschnack. „Die Gespräche sind genauso wichtig wie das Spiel“, sagt der 72-jährige Jan Wiersma, einer der Gründungsspieler. „Viele hier leben allein. Das hier ist ihr wöchentlicher Fixpunkt – körperlich und sozial.“
Danach geht es raus aufs Feld. Die Regeln sind einfach: kein Rennen, keine harten Tacklings, der Ball darf nicht über Hüfthöhe fliegen. Doch wer glaubt, das sei gemütlich, täuscht sich. Schon nach zehn Minuten ist klar: Walking Football fordert Koordination, Konzentration und Teamgeist – und das auf einem erstaunlich hohen Niveau.

Gesundheit durch Gemeinschaft
Das Projekt wird von Cambuur Verbindt getragen, der sozialen Stiftung des SC Cambuur. Sie organisiert Angebote rund um Bewegung, Bildung und Integration. Walking Football passt perfekt in dieses Konzept.
Unterstützt wird das Programm durch het Nationaal Ouderenfonds (Nationales Seniorenfonds), das in den Niederlanden seit Jahren Walking-Football-Projekte fördert.
„Viele Teilnehmende berichten, dass sie wieder besser schlafen, weniger Gelenkschmerzen haben und sich fitter fühlen“, sagt de Jong. „Aber das Wichtigste ist: Sie fühlen sich wieder gebraucht.“
Von Leeuwarden hinaus nach Westfriesland
Der Erfolg der OldStars hat längst Nachahmer gefunden. In Orten wie Bolsward, Sneek und Harlingen sind in den letzten Jahren eigene Walking-Football-Gruppen entstanden – oft mit Unterstützung oder Beratung durch Cambuur Verbindt.
In Bolsward trifft sich die Gruppe des Vereins SC Bolsward jeden Freitagmorgen. „Wir haben mit zehn Leuten angefangen, jetzt sind wir über dreißig“, erzählt Trainer Piet Visser. „Viele waren früher aktive Spieler. Jetzt entdecken sie die Freude am Spiel wieder – ohne Angst vor Verletzungen.“
Auch in Harlingen unterstützt die lokale Seniorenorganisation gemeinsam mit dem Sportverein HVC’15 ein ähnliches Angebot. Dort spielen mittlerweile auch Frauen regelmäßig mit – ein Zeichen, wie inklusiv der Sport geworden ist.
Ein Modell für die ganze Region
Das OldStars-Projekt von Cambuur zeigt, dass Fußball mehr sein kann als Wettkampf. Es ist ein Mittel gegen Vereinsamung, gegen Inaktivität, gegen das Gefühl, „nicht mehr dazuzugehören“.
In Westfriesland hat sich daraus eine lebendige Bewegung für aktive Senior:innen entwickelt – mit Cambuur als Motor, aber getragen von Menschen, die Lust auf Leben haben.
Oder wie es Spielerin Trijntje Hoekstra (68) ausdrückt:
„Wir spielen langsam – aber wir leben schnell. Das hier ist das Beste, was mir im Ruhestand passiert ist.“
Hintergrund:
- Organisation: SC Cambuur OldStars Walking Football, Cambuur Verbindt
- Trainingsort: Nebenplätze am Cambuur-Stadion, Leeuwarden
- Zielgruppe: 60 +, Männer und Frauen
- Kontakt: www.cambuurverbindt.nl | info@cambuurverbindt.nl
Nächste Woche in Teil 2:
„Ostfriesland: Zwischen Emden und Neuenburg – wie kleine Vereine große Wirkung zeigen.“

