WALKING FOOTBALL SPEZIAL 01/2026 – GEHZETTE Interview | Schiedsrichterin mit Haltung
Verantwortung, Herz und klare Kante – Gitta Bargmann über ihre Mission im Walking Football

Wer mit Gitta Bargmann über Walking Football spricht, merkt schnell: Hier geht es nicht um „ein bisschen langsamer Fußball“. Hier geht es um Überzeugung. Um Schutz. Um Fairness. Und um eine Sportart, die mehr kann als Tabellen verwalten.
Seit vielen Jahren ist Gitta als Schiedsrichterin aktiv – im klassischen Fußball genauso wie in Varianten wie Blindenfußball, Futsal oder Beachsoccer. Doch beim Walking Football hat sie etwas gefunden, das über das Spiel hinausgeht.
Von der belächelten Idee zur Herzensaufgabe
Als sie 2018 – eingeladen durch den Schleswig-Holsteinischen Fußballverband – zum ersten Walking-Football-Treffen nach Kiel kam, war das Format für viele noch eine Randnotiz. Rund 15 Schiedsrichter erschienen, am Ende blieben sechs übrig. Der Rest? Skeptisch.
Heute blickt Gitta auf unzählige Begegnungen zurück. Mit Spielerinnen und Spielern, die nach Herz- oder Hüftoperationen wieder Vertrauen in ihren Körper gefunden haben. Mit Menschen, die nach dem Verlust eines Partners durch das Spiel zurück ins soziale Leben fanden. Mit Älteren, die bewusst sagen: „Ich will Fußball – aber gesund.“
„Jede und jeder Einzelne hat dazu beigetragen, dass ich motiviert geblieben bin“, sagt sie. Und man glaubt es ihr sofort.
Gesundheitssport – kein Etikett, sondern Programm
Walking Football ist kein Marketingbegriff, sondern eine Haltung. Gespielt wird auf 42 x 21 Metern. Kein Ball über 1 Meter. Kein Grätschen. Kein Angriff von hinten. Und vor allem: kein Laufen.
Diese Regeln minimieren gezielt Verletzungsrisiken – genau jene Situationen also, die im klassischen Fußball häufig problematisch werden. Der Unterschied liegt nicht nur im Tempo, sondern im Grundgedanken: Schutz vor Risiko statt heroischer Zweikampfromantik.
Und es geht um mehr als Gelenke.
Wer einsam war, findet Anschluss. Wer motorisch eingeschränkt ist, findet Struktur. Wer taktisch denkt, muss neu lernen: Spielzüge so anzulegen, dass sie „gehend“ erreichbar sind. Kopf und Koordination arbeiten anders – und intensiver.
Mehr Verantwortung als man denkt
Viele unterschätzen die Rolle der Schiedsrichter im Walking Football. Weniger Laufarbeit heißt nicht weniger Anspruch. Im Gegenteil.
Gitta beschreibt die besondere Herausforderung:
Das Auge muss permanent kontrollieren:
- Wird wirklich gegangen?
- Ist irgendwo eine Flugphase?
- Kommt der Ellenbogen?
- Ist der Ball über 1 Meter?
- Entsteht ein Angriff von hinten?
- Wie ist die Atmosphäre auf dem Platz?
„Manchmal dreht sich mein Kopf wie ein Karussell“, sagt sie mit einem Lächeln. Und genau das ist der Punkt: Konzentration auf Dauerbetrieb.
Denn hier geht es nicht nur um Regelverstöße – sondern um Schutz von Menschen, die sich nach einem Sturz vielleicht monatelang nicht erholen würden.
Regelwerk schützen – nicht bestrafen
Eine häufige Diskussion betrifft das Laufen. Viele Spieler glauben, ein wenig „schneller gehen“ sei noch erlaubt. Doch sobald eine Flugphase entsteht – also beide Füße kurz in der Luft sind – ist es Laufen.
Und auch Tore zählen nicht, wenn der Ball auf seiner Flugbahn die 1-Meter-Grenze überschreitet. Selbst wenn er elegant als „Bogenlampe“ ins Netz fällt – Regel bleibt Regel.
Konsequenz ist dabei kein Machtspiel. Sondern Prävention.
„Wenn man die Regeln konsequent anwendet, verhindert man viele Situationen, die später zu Sanktionen führen würden“, erklärt Gitta.
Wenn Ehrgeiz überdreht
Walking Football ist Wettkampf – aber nicht um jeden Preis. Gitta spricht offen darüber, dass es auch hier Mannschaften gibt, die den Wettbewerbsmodus zu stark leben.
In solchen Momenten wird sie klar. Ansagen auf dem Feld. Deutliche Kommunikation. Notfalls Platzverweise.
Denn wenn Ehrgeiz die eigentliche Zielgruppe verdrängt – ältere oder gesundheitlich eingeschränkte Spieler – verliert die Sportart ihre Seele.
Und das lässt sie nicht zu.
Kommunikation als Schlüssel
Im Walking Football ist Kommunikation kein Beiwerk, sondern Fundament.
Ein Pfiff allein reicht nicht. Es braucht Erklärung. Orientierung. Tonfall.
Gitta beschreibt auch selbstkritisch eine Szene, in der sie nach dem zehnten Abpfiff wegen Laufens deutlicher wurde als geplant. Am Ende wurde alles besprochen – und geklärt. Genau darum geht es.
Respekt ist keine Einbahnstraße.
Und auch Schiedsrichter sind Menschen.
Fairness in Reinform
Besonders bewegend sind die Momente, in denen sich der Charakter dieser Sportart zeigt:
- Ein 88-jähriger Verteidiger stürzt. Der Angreifer schießt nicht aufs freie Tor, sondern ins Aus – und hilft ihm auf.
- Ein Spieler wird vom zu hoch gespielten Ball getroffen. Gegner tragen ihn gemeinsam zur Bank.
Das sind keine Nebenszenen. Das ist Walking Football.
Einheitliche Regelauslegung – die Zukunftsfrage
Mit dem Wachstum der Sportart wächst auch die Verantwortung der Verbände. Einheitliche Schulungen. Klare Auslegung. Motivation der Schiedsrichter.
Das Regelwerk existiert – doch es braucht Menschen, die es konsequent vertreten.
Walking Football darf nicht „nebenbei“ behandelt werden. Es ist eine Chance, gesellschaftlich etwas zu bewegen.
Was braucht eine gute Walking-Football-Schiedsrichterin?
- Regelverständnis
- Geduld
- Einfühlungsvermögen
- Kommunikationsstärke
- Freude an kontaktarmem Fußball
- Verständnis für eine vielfältige Zielgruppe
Und vor allem: Überzeugung.
Mehr als Tabellen und Ergebnisse
Am Ende bleibt das, was zwischen den Zahlen steht.
Walking Football verbindet Generationen. Kulturen. Lebensgeschichten.
Es schafft Akzeptanz. Gemeinschaft. Lebensfreude.
„Am meisten freut mich, wenn ich sehe, wie Menschen durch diese Sportart wieder Zufriedenheit finden“, sagt Gitta.
Und genau deshalb lohnt sich Walking Football – auch abseits jeder Tabelle.
GEHZETTE meint:
Walking Football ist keine langsamere Kopie des Fußballs. Es ist eine bewusste Weiterentwicklung. Und Menschen wie Gitta Bargmann sorgen dafür, dass dieser Gedanke nicht verloren geht.
Danke für dieses Gespräch.
– GEHZETTE Redaktion –

