Impulse beim Walking Football – Kick off X-Change 2025

ZUM REPLAY DIE VORSCHAUBILDER ANKLICKEN

Steffan Wemcken, TV Neuenburg – Walking Football Organisator am 09. November 2025 beim ZOOM Meeting

Walking Football zu vermitteln – darum geht es mir heute. Ich habe mir dafür elf Punkte notiert, die aus meiner Sicht wichtig sind, um zu verstehen, worum es bei dieser Sportart wirklich geht.

Zunächst einmal: Walking Football ist ein reiner Freizeitsport. Mittlerweile gibt es viele Facetten, viele Varianten. Wir in Friesland, wir Urwaldfriesen, haben uns bewusst dafür entschieden, die Generation 50+ anzusprechen. Wir spielen in gemischten Teams, Männer und Frauen gemeinsam, und bei uns steigt man ab 50 ein. Es gibt andere Modelle, in denen bereits 16-Jährige mitspielen, und auch das hat sicher seine Berechtigung. Ich möchte heute aber nur über das sprechen, was ich selbst erlebt habe und wie unser Weg beim TV Neuenburg mit Walking Football verlaufen ist.

Ich bin sehr froh, dass Rolf dieses Meeting ins Leben gerufen hat, denn im Moment gibt es eigentlich keine Plattform, auf der wir uns austauschen können – weder über unsere Probleme noch darüber, was in der Walking-Football-Szene allgemein so läuft. Für mich ist das deshalb wichtig, weil wir beim TV Neuenburg erst seit 2021 überhaupt Walking Football spielen, ich aber in letzter Zeit immer mehr Anrufe, E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten von Spielern bekomme, die ernsthaft überlegen, dem Walking Football wieder den Rücken zu kehren.

Der Grund dafür ist häufig ähnlich: In manchen Vereinen werden einfach die ehemaligen Altherrenspieler „reaktiviert“, und dann wird Altherrenfußball im Gehen gespielt. Das hat mit Walking Football im eigentlichen Sinne aber wenig zu tun – selbst dann nicht, wenn man formal die Walking-Football-Regeln einigermaßen einhält. Dieser alte Ehrgeiz, diese Altherren-Kultur, dieses „Gewinnen um jeden Preis“ – genau das war nie der Gedanke hinter Walking Football.

Ich habe mich gefragt: Kann man diesen Leuten überhaupt einen Vorwurf machen? Wahrscheinlich nicht. Viele wissen es schlicht nicht besser, denn es gibt keine Institution, die uns unterstützt – weder bei der Entwicklung einer Walking-Football-Kultur, noch beim Schiedsrichterwesen oder bei klaren Rahmenbedingungen. Alles, was wir dafür brauchen, müssen wir uns bisher selbst erarbeiten.

Um die Walking-Football-Kultur zu verstehen, muss man in die Historie schauen. Warum gibt es Walking Football überhaupt? Warum wurde er erfunden? Wie ihr wisst, ist das Ganze in England entstanden – rund um das Jahr 2010. Damals haben die britischen Gesundheitsbehörden Alarm geschlagen, weil die Gesundheitskosten völlig aus dem Ruder liefen. Analysten haben untersucht, woran das liegt, und festgestellt: Die Generation 50 plus trägt maßgeblich dazu bei, dass die Kosten explodieren.

Das liegt vor allem daran, dass diese Generation – Menschen im letzten Arbeitsdrittel ebenso wie Rentner – oft ein sehr passives Leben führt. Sport findet in vielen Fällen nicht mehr statt, viele ältere Menschen leben in häuslicher Isolation. Die Folgen: Übergewicht, Herz-Kreislauf-Probleme, psychische Erkrankungen. Die Gesundheitsbehörden sagten: So kann es nicht weitergehen, wir müssen etwas verändern.

Also holte man sämtliche Sportverbände der britischen Insel mit ins Boot. Ziel war es, möglichst viele Menschen dieser Altersgruppe wieder in die Vereine zu bringen – damit sie sich mehr bewegen, gesünder leben und sich so langfristig auch die Kosten im Gesundheitssystem reduzieren.

Der englische Fußballverband war ebenfalls beteiligt. Man sprach den FC Chesterfield an, der eine eigene Stiftung besitzt, und beauftragte diese Stiftung damit, eine Fußballvariante zu entwickeln, die innerhalb von zwei Jahren möglichst viele Menschen wieder auf die Sportplätze holt. Chesterfield erhielt dafür ein Budget von 20.000 Pfund und stellte ein Projektteam zusammen.

Im ersten Schritt überlegte dieses Team: Warum hören Menschen überhaupt auf, Fußball zu spielen? Die Gründe kennen wir alle aus eigener Erfahrung. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem das Spiel zu dynamisch ist, das Tempo zu hoch, die Verletzungsgefahr zu groß. Man kommt nicht mehr richtig mit und stellt irgendwann fest: „Fußball geht nicht mehr.“ Und dann hört man auf.

Das Projektteam in Chesterfield hat also genau das aus den Regeln entfernt, was Menschen dazu bringt aufzuhören. Indem sie gesagt haben: Laufen ist verboten, wir spielen im Gehen, haben sie die Dynamik aus dem Spiel genommen. Durch die Vorgabe, den Ball flach zu spielen und körperlos zu agieren, wurde die Verletzungsgefahr drastisch reduziert. Schritt für Schritt tastete man sich so an die Walking-Football-Regeln heran.

2011 war man so weit, das erste Freundschaftsspiel auf der Insel auszutragen. Die 20.000 Pfund wurden vor allem für gute Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt. Nachbarvereine wurden aufmerksam und entschieden sich, diese Sportart ebenfalls anzubieten. Durch die intensive Pressearbeit wurde auch ein Fernsehsender auf das Thema aufmerksam, und dieses erste Freundschaftsspiel wurde tatsächlich bei Sky Sports übertragen.

Nach dieser Ausstrahlung begann Walking Football in England zu boomen. Immer mehr Vereine holten ihre „alten Säcke“ von den Sofas und brachten sie wieder zum Fußballspielen – dieses Mal im Gehen. Wichtig ist dabei: Walking Football wurde nicht erfunden, um Punktspiele, Meisterschaften oder Pokale zu gewinnen. Er wurde als Gesundheitssport entwickelt, mit dem Ziel, Fußball auch im Alter nachhaltig betreiben zu können.

Deshalb ist es so wichtig, den überzogenen Ehrgeiz aus dem Spiel herauszunehmen. Wenn jemand zum Training kommt, soll er den Platz mit einem Lächeln wieder verlassen. Es geht nicht darum, selbst als Einzelner zu glänzen, sondern dafür zu sorgen, dass die Mitspieler ihren Spaß haben und zu ihrem Recht kommen. Das ist die Kultur, die wir beim TV Neuenburg pflegen.

Wir spielen nun seit dreieinhalb Jahren Walking Football und haben mittlerweile zwei Trainingsabende pro Woche. In dieser ganzen Zeit ist nicht ein einziges böses Wort gefallen. Unser Motto lautet: „Man muss dem Mitspieler auch etwas gönnen können.“

Ein Beispiel aus dem Trainingsbetrieb: Wir spielen 6 gegen 6, ich spiele im Sturm. Im gegnerischen Team steht auf der Verteidigerposition Didi, 72 Jahre alt, nicht mehr ganz so standfest auf den Beinen. Natürlich könnte ich mir denken: „Wenn ich den jetzt ein bisschen schärfer anlaufe, wird er nervös, vertändelt den Ball, ich schnappe ihn mir, mache ein Tor und bin der Held.“ Das könnte ich einmal machen, vielleicht zweimal. Aber: Didi würde den Spaß verlieren, seine Mitspieler wären genervt, weil er Fehler macht, und irgendwann würde er gar nicht mehr zum Training kommen.

Richtig ist es, ihm seinen Moment zu gönnen. Ich weiß, dass er eine Schwäche hat, aber wenn er angespielt wird, lasse ich ihm Zeit, den Ball anzunehmen, sich umzuschauen, den nächsten Mitspieler zu suchen und den Pass zu spielen. Ich hole mir meine Balleroberungen aus anderen Situationen. Ich muss keinen Mitspieler „ausspielen“, nur weil er schwächer ist. Das ist für uns Fairplay – und darum spielt Didi auch heute noch bei uns.

Zu den Zahlen: Ich bin bei den Urwaldfriesen nicht nur Spieler, sondern koordiniere das gesamte Thema. Im April 2022 haben wir mit zwölf Leuten angefangen. Heute haben wir zwei Teams: die Urwaldfriesen mit 46 Spielern, und zusätzlich ein Inklusiv-Team, das „Walking Football Starter“ heißt. Dort kicken aktuell 26 Menschen mit Behinderung. Insgesamt spielen also über 70 Personen in unserem Verein Walking Football – und das nur, weil wir diese Kultur ernst nehmen und leben.

Leider bekomme ich immer wieder mit, dass diese Kultur anderswo nicht gelebt wird. Spieler verlassen Vereine nach wenigen Wochen wieder, weil Atmosphäre, Umgang und Fairness nicht stimmen. Umso wichtiger ist es, dass wir dafür sorgen, dass jeder Mitspieler zu seinem Recht kommt, Einzelkämpfer in die Schranken gewiesen werden und wir als Gemeinschaft funktionieren.

Ein zentraler Baustein unserer Kultur ist die „dritte Halbzeit“. Früher kannte man das aus dem aktiven Fußball oft als „an die Theke gehen und den Kasten Bier vernichten“. Bei uns bedeutet die dritte Halbzeit vor allem: sozialer Austausch. Allein die Tatsache, dass ein 70-Jähriger am Donnerstag seine Tasche packt und sagt: „Ich gehe zum Sport“, gibt vielen ein festes, freudiges Ritual im Kalender.

Wenn das Spiel vorbei ist, weiß jeder: „Ich werde hier gebraucht, meine Jungs warten auf mich.“ In der dritten Halbzeit reden wir dann kaum noch über Fußball, sondern über das Leben: über Sorgen, Probleme, Alltagsthemen. Bei 46 Spielern sind natürlich nie alle gleichzeitig da, aber selbst wenn 15 oder 16 Leute zusammensitzen, ist die Chance groß, dass jemand helfen kann.

Ein Beispiel: Unser ältester Spieler, Gerold, 84 Jahre alt, kam einmal völlig aufgelöst zum Training. In seiner Garage ging das Licht nicht mehr, der Schalter war kaputt, und er wollte selbst nicht an die Elektrik. In der dritten Halbzeit hat er das kurz erzählt. Am Samstag standen dann zwei Elektriker aus unserer Truppe bei ihm in der Garage und haben das Problem gelöst.

Oder Thomas: Vor zwei Jahren zu uns gekommen, aus Kaiserslautern, und nach einem Jahr innerhalb der Gemeinde schon wieder umgezogen. Sein privates Umfeld – Freunde, Familie, Kollegen – lebte 600 Kilometer entfernt. Er erzählte in der dritten Halbzeit kurz, dass er einen Umzug vor sich hat und keine Helfer. Am Samstag darauf standen zwölf Mitspieler und drei Anhänger vor seiner Tür, und um 13 Uhr war alles erledigt.

Walking Football ist eben so viel mehr als nur Fußballspielen. Gerold, derselbe 80-plus Spieler, pflegt zu Hause rund um die Uhr seine Frau. Für die Trainingstage Dienstag und Donnerstag organisiert er sich jedes Mal eine Vertretung, kommt zum Sport und tankt beim Walking Football schlicht Kraft.

Als wir 2022 beim TV Neuenburg angefangen haben, haben wir sehr schnell gemerkt, dass der Vorstand voll hinter uns steht. Die Verantwortlichen fanden es großartig, dass „die Alten“ wieder auf den Sportplatz kommen. Wir wurden sofort mit Toren ausgestattet – damals kosteten die 1.500 Euro, die der Verein ohne Zögern investiert hat. Wir bekamen Trainingsanzüge, Poloshirts, wurden behandelt wie eine erste Herrenmannschaft. Diese Wertschätzung spüren die Spieler, sie fühlen sich nicht belächelt, sondern ernst genommen.

Aus unserem Kreis von mittlerweile 46 Spielern konnte der Verein zudem viele Ehrenämter neu besetzen. Fast alle sind ehemalige Fußballer, die Vereinsleben kennen. Sie waren bereit, wieder Aufgaben zu übernehmen. Arbeitsdienste – vorher ein riesiges Problem, weil „keiner Zeit hat“ – lassen sich seit dem Start des Walking Football im Verein deutlich leichter besetzen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Öffentlichkeitsarbeit. Wir haben von Anfang an bei Facebook über das berichtet, was wir tun. Unsere kleine Gemeinde wusste sehr schnell, was die Älteren da treiben, und viele Gewerbetreibende fanden es großartig, dass der Verein sich so intensiv um diese Zielgruppe kümmert. Sponsoren zu finden, war dadurch erstaunlich leicht.

Heute sind wir ausgestattet wie Bundesligaspieler. Die Gemeinde hat uns einen eigenen Walking-Football-Platz zur Verfügung gestellt, inklusive Flutlichtanlage. All das steht und fällt aber mit den Verantwortlichen im Verein. Es ist enorm wichtig, dass Vorsitzende und Abteilungsleitungen erkennen, welchen Mehrwert Walking Football hat.

Neben dem Platz achten wir auch darauf, unsere Partnerinnen und Partner einzubeziehen. Wir gehen zusammen essen, machen Fahrradtouren. Seit es Walking Football bei uns gibt, gibt es auch wieder eine Skatrunde im Verein. Wir fahren gemeinsam zu Turnieren – oft auch mit den Frauen der Spieler – sodass das Ganze eine runde Sache wird.

Die Faszination Walking Football lässt sich in der Theorie übrigens nur schwer vermitteln. Wenn du jemanden ansprichst und ihn motivieren willst, mal zum Training mitzukommen, merkst du oft, dass er innerlich schmunzelt und eine völlig falsche Vorstellung davon hat, was wir da machen. Deshalb ist es so wichtig, die Leute nicht nur zu beschreiben, sondern sie mitzunehmen und einmal mitspielen zu lassen.

Erst dann spüren sie: Man ist nach dem Training tatsächlich erschöpft, man hat ein richtiges Fußballgefühl – den Geruch des Rasens, den ersten Ballkontakt, das ganze Drumherum. Wenn man das erlebt, entwickelt sich die Faszination für Walking Football ganz von allein.

Als wir angefangen haben, habe ich außerdem alle Ärztinnen und Ärzte in unserer Gemeinde angeschrieben und in einem Rundbrief erklärt, was Walking Football ist. Das Feedback war durchweg positiv. Inzwischen haben wir zwei Spieler, die von ihren Ärzten ausdrücklich zu uns geschickt wurden: Sie sollten abnehmen, hatten aber keine Lust auf Walking-Gruppe oder Seniorenturnen, wollten aber gerne wieder „irgendwie Fußball“ spielen. Jetzt kicken sie bei uns und arbeiten an ihrem Gewicht – mit Spaß statt mit Zwang.

Natürlich lief bei uns nicht alles immer perfekt. Am Anfang war vieles nett und easy, aber irgendwann schlichen sich Regelverstöße ein. Jüngere Spieler kamen dazu, das Niveau wurde dynamischer, und plötzlich wurde gelaufen, gelegentlich auch geschubst. Das Prinzip des kontaktlosen Spiels geriet ins Hintertreffen, und die ersten Beschwerden landeten bei mir.

Ab diesem Zeitpunkt haben wir entschieden, kein Trainingsspiel mehr ohne Schiedsrichter zu machen. Zum Glück haben wir ausgebildete Schiris in unseren Reihen, die sich regelmäßig ans Spielfeld stellen. Und wenn sie verletzt sind oder nicht mitspielen können, kommen sie manchmal nur für die dritte Halbzeit und zum Pfeifen. Einer von uns hat immer eine Pfeife in der Hand.

Es gibt bei Walking Football typische Streitfragen: „Geht er noch – oder läuft er schon?“, „Ist der Ball jetzt einen Meter hoch oder einen Meter fünf?“ Wenn kein Schiedsrichter da ist, gibt das immer Diskussionen. Bei uns gilt deshalb: Wer pfeift, entscheidet – und die Entscheidung wird nicht kommentiert. So entstehen keine bösen Worte, und die Kultur bleibt intakt.

Wir spielen streng körperlos. Sobald ein Spieler seinen Gegenspieler berührt, ertönt der Pfiff und das Wort „Kontakt“. Jeder weiß sofort: „Da bin ich zu nah dran gewesen.“ Mittlerweile pfeifen wir sogar ab, wenn Fairplay verletzt wird. Wenn also jemand wie in meinem Beispiel Didi aggressiv anläuft, nur um ihn zu verunsichern, ist das für uns kein Fairplay – und wird konsequent unterbunden.

Wir spielen Fußball um des Kickens willen. Es geht nicht darum, wer am Ende gewinnt, wir zählen nicht einmal die Tore. Ob jemand sieben oder vier Treffer macht, ist völlig zweitrangig. Wichtig ist, dass alle Spaß am Spielen haben. Wenn man dieses Ziel aus den Augen verliert, landet man schnell beim „Altherrenfußball im Gehen“ – und wer sich an seine eigene Altherrenzeit erinnert, weiß, wie gruselig das werden kann: Meckerei, Beschimpfungen, aggressive Spielweise, Grätschen im Training. All das wollen wir nicht. Wir wollen glückliche Momente.

Fairplay steht deshalb bei uns über allem.

Im Sommer war ich mit meinem Trainer bei einer Walking-Football-Trainerausbildung des DFB und wir haben das Walking-Football-Zertifikat erworben. Unter den rund 30 Teilnehmenden wurde immer wieder berichtet, dass manche Teams einfach auf den Platz gehen, den Ball in die Luft werfen und „loskicken“. Für mich ist klar: Kein Training ohne vernünftige Aktivierung.

Der DFB hat ein eigenes Trainingsprogramm für Walking Football entwickelt. Es beginnt mit der Aktivierung – das, was wir früher „Aufwärmen“ nannten. Die Muskelpartien, die wir in der Einheit brauchen, werden gezielt vorbereitet. Danach folgen Spielformen in unterschiedlichen Konstellationen, etwa 3 gegen 2 oder 5 gegen 3. Es gibt einen „Zwischenblock“, in dem Koordination und Muskelaufbau trainiert werden, häufig mit Ball. Am Ende steht das freie Spiel – 6 gegen 6 oder 5 gegen 5, je nach Gruppengröße – und anschließend die dritte Halbzeit.

Einfach auf den Platz zu gehen, den Ball hochzuschmeißen und loszuspielen, ist unprofessionell und erhöht das Verletzungsrisiko. Das kennen wir aus unserer aktiven Zeit besser – und sollten diesen Standard auch im Walking Football anlegen.

Mein Appell ist daher: Sorgt für Fairplay, sorgt dafür, dass jeder Spieler seine Glücksmomente hat und zufrieden nach Hause fährt. Dann kommt er wieder, erzählt anderen davon – und macht sie neugierig. So wächst ein Team.

Die schnellste Art, einen Kader wachsen zu lassen, ist übrigens ganz simpel: Bitte jeden Spieler, zum nächsten Training einfach jemanden mitzubringen – einen Kollegen, Freund, Nachbarn, ein Familienmitglied. Wenn jeder nur einen mitbringt, verdoppelt sich das Team auf einen Schlag.

Wir haben mit den Urwaldfriesen einen Kader von 46 Spielerinnen und Spielern. Manchmal sind im Training nur acht Leute da, manchmal über zwanzig – so ist das Leben. Einen relativ großen Kader zu haben, ist deshalb wichtig, damit kein Training ausfällt, wenn mal viele verhindert sind.

Das Wichtigste zum Schluss: Denkt an die Kultur. Walking Football lebt davon, dass wir gemeinsam Spaß haben und dass es egal ist, wer gewinnt.

Aktuell wird viel darüber diskutiert, ob wir einen Ligabetrieb wollen – eine normale Saison mit Punktspielen und Meisterschaften. Wir in Friesland sind uns einig: Das wollen wir nicht. Es gibt bereits eine Punktspielserie im Raum Hamburg, aber dort entsteht genau das Problem, das wir vermeiden möchten: Steht man als Trainer mit seinem Team auf Platz drei und kann noch Meister werden, stellt man zwangsläufig die besten Spieler auf. Diejenigen, die das Niveau nicht halten können, bleiben außen vor – und irgendwann gehen sie.

Wir lehnen leistungsorientierten Ligabetrieb deshalb ab. Was wir mögen, sind Turniere. Und selbst das ist schon Herausforderung genug: Wenn du mit 15 Leuten zu einem Turnier fährst, aber nur sechs gleichzeitig spielen können, musst du dafür sorgen, dass alle ungefähr die gleichen Spielanteile bekommen. Oft stehen dann drei sehr starke und drei schwächere Spieler zusammen auf dem Platz. Die drei Schwächeren freuen sich, dass sie mit den Stärkeren zusammenspielen dürfen, die Starken müssen akzeptieren, dass sie vielleicht nicht alles gewinnen, weil sie andere „mit durchziehen“. Aber genau das ist Walking Football.

Es geht darum, im Alter noch etwas zu erleben. Wir fahren nach Wien, nach Holland, nach Dänemark – die alten Säcke gehen auf Tour und haben Spaß. Wo die Reise noch hingeht, weiß ich nicht, aber wir sind uns in Friesland einig: Wir wollen einfach Freude am Spiel, Fairness auf dem Platz und Gemeinschaft – ohne dass Verbände uns sagen, wie wir zu sein haben.

Dass die Verbände beim Thema Walking Football noch nicht so weit sind, sollte uns nicht davon abhalten, diesen Weg zu gehen. Wir sind alle erwachsen, wir wissen, was wir wollen – und wir können es auch selbst gestalten.

Damit möchte ich es bewenden lassen. Vielen Dank.

Sylvia Heitmüller, Trainerin SG Seckenhausen-Fahrenhorst Walking Football am 09. November 2025 beim ZOOM Meeting

Ja, danke. Und auch danke an Steffan – er hat mir schon einen schönen Ball zugespielt.

Ich bin eigentlich niemand, der sofort „Ja, ich mach mit!“ ruft. Ich habe immer gesagt: Bevor ich Fußball spiele, muss ich mich erstmal richtig aufwärmen, meine Gelenke vorbereiten – und, und, und.

Dann kam irgendwann der Moment, an dem ich mich fragte: Warum sind wir eigentlich nur zwei Frauen unter all den Männern?
Es gab keinerlei Werbung oder Aufruf, dass Frauen ausdrücklich willkommen sind. Viele haben sich wohl einfach nicht getraut. Bei Werder war das alles auch nicht so öffentlich kommuniziert – warum auch immer.

Ich habe mir diese Frage damals wirklich gestellt. Ich habe dann auch ein, zwei Frauen mitgebracht. Eine davon hatte noch nie Fußball gespielt. Und, ja – sie kam bei den Männern nicht so richtig an, fühlte sich nicht wohl und war leider schnell wieder weg.

Sie hatte einfach nicht das Gefühl, da gut aufgehoben zu sein.
Mit der Zeit veränderte sich auch das Spiel: Was als Gesundheitssport gedacht war, wurde immer laufintensiver, körperlicher – mit mehr Zweikämpfen.

Also habe ich selbst ein bisschen Werbung gemacht und mit vier Frauen angefangen. Das Wichtigste war für mich: Geduld.
Ich wusste, dass so ein Aufbau Zeit braucht. Ich habe nie ein Training ausfallen lassen – selbst wenn nur eine Spielerin da war, habe ich mit ihr trainiert. Wir hatten immer Spaß, haben Technik geübt, Eins-gegen-Eins gespielt. Das war mir wichtig.

Denn es geht beim Walking Football um Bewegung an der frischen Luft, um Freude und um Gesundheit.
Viele haben das anfangs nicht verstanden.

Im Juli habe ich dann angefangen, gezielt für ein reines Frauenteam zu werben – und im September war es so weit: Wir starteten als Frauenmannschaft.
Heute sind wir – mit mir zusammen – 14 Frauen.

Wir machen Werbung über Facebook, Instagram, Plakate und natürlich durch Mundpropaganda – das ist das Wichtigste.
Und das Ganze mit viel Spaß!

Wir übernehmen auch Spielformen aus dem Jugendfußball, der ja inzwischen oft im Kleinfeld trainiert.
Manchmal spielen wir mit einem normalen Tor und daneben steht ein kleines Dribbeltor – das sorgt für Abwechslung.

Ich habe die Spielerinnen gefragt, was ihnen beim Walking Football am besten gefällt.
Hier ein paar Antworten:

  • Der Spaß untereinander.
  • Die freundliche Atmosphäre.
  • Die Fairness.
  • Der Zusammenhalt.
  • Dass jeder mitmachen kann, egal ob man Fußballkenntnisse hat oder nicht.

Ich gehe besonders auf Neueinsteigerinnen ein, die noch nie gespielt haben, und fördere sie gezielt.
Ganz wichtig ist die lockere Atmosphäre – kein Druck, kein Muss.
Man kann einfach abschalten, den Alltag hinter sich lassen, lachen und sich bewegen.

Alle sind positiv gestimmt, egal bei welchem Wetter. Jeder lernt von jedem, und es wird viel gelacht.
Auch das Abschlussspiel finden alle super – Moment, ich muss kurz etwas trinken.

Besonders schön ist die Rücksichtnahme:
Es geht nicht darum, Tore zu erzwingen. Wenn jemand noch nie ein Tor geschossen hat und mal die Chance hat, dann lässt man sie schießen – das ist Teamgeist.

Trotzdem versuche ich, dass wir auch mal gemischte Trainings machen, Frauen und Männer zusammen – ab und zu klappt das gut.

Ich habe etwas Stimmprobleme – ich übergebe mal an Rolf.



Kurze Pause mit Impulse von Steffan zur Überbrückung


Sylvia Heitmüller:
Entschuldigt meine Stimme – sie macht heute nicht mehr so richtig mit.

Bei uns im Verein gilt, ob Mann oder Frau:
Alles kann, nichts muss.

Wer Turniere spielen möchte, kann das tun. Wer lieber nicht will – völlig in Ordnung. Kein Druck, kein Muss.

Ein Beispiel:
Ein Mitspieler hatte gerade eine Hüft-OP hinter sich. Jeder Schuss tat ihm weh, aber er wollte unbedingt mitmachen.
Nach dem Training sagte er zu mir:
„Heute habe ich mich das erste Mal seit Langem wieder wie ein Mensch gefühlt. Ich bin glücklich – aber jetzt brauche ich erstmal die nächste OP.“

Eine Woche später kam er wieder.
Ich habe den anderen gesagt: „Welpenschutz – zwei Meter Abstand, keiner geht ran!“
Und alle haben sich daran gehalten. Sechs Wochen lang.
Danach war er wieder so fit, dass er voll mitspielen konnte.

Das ist genau das, was Walking Football ausmacht: Rücksichtnahme.
Jeder kann mitmachen – egal ob fit oder nicht.

Wenn eine neue Spielerin da ist, sage ich immer: „Die ist neu – zwei Meter Abstand, Welpenschutz.“
Und alle wissen sofort, was gemeint ist.

Es geht darum, aufeinander zu achten.
Gerade bei älteren Spielern, bei denen Kopf und Körper manchmal nicht mehr im gleichen Tempo arbeiten – das kennen wir alle.

Ich schaue keinen Fußball im Fernsehen – ich spiele lieber selbst.
Das bringt mir viel mehr.

Bewegung ist Leben.
Der Stoffwechsel kommt in Schwung, wir atmen besser, wir sind draußen an der frischen Luft.
Walking Football tut Körper und Seele gut.

Mehr habe ich eigentlich nicht zu sagen – wenn Fragen sind, gebe ich gern an Rolf weiter.