Entwickeln oder gewinnen?

Zwei Seiten der Trainerrolle im Gehfussball

Von außen betrachtet scheint alles klar: Im Fußball geht es ums Gewinnen. Doch wer einmal ein Training oder Turnier im Gehfussball miterlebt hat, weiß: Hier zählt weit mehr als das Ergebnis. Zwischen Leistungsstreben und persönlicher Entwicklung bewegen sich Trainerinnen auf einem schmalen Grat – auch, oder gerade, im entschleunigten Spiel der Älteren.*

Ein Spiel, das entschleunigt – aber nicht stehen bleibt

Gehfussball, oder Walking Football, hat in den letzten Jahren europaweit an Popularität gewonnen. Oft wird erzählt, die Spielform sei in England entstanden, um älteren Fußballer*innen den Wiedereinstieg in den Sport zu ermöglichen.

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit.

Tatsächlich wurde Gehfussball in den frühen 2010er-Jahren als gesundheitspolitisches Projekt initiiert. Die britische Regierung beauftragte über lokale Gesundheitsbehörden den FC Chesterfield, ein Bewegungsangebot für ältere Menschen zu entwickeln – mit dem Ziel, die Ausgaben des National Health Service (NHS) für die Behandlung von Zivilisationskrankheiten zu senken.

Der damalige Vereinsvorsitzende John Croot entwarf daraufhin eine neue Spielform, bei der der Recreational-Gedanke, also Freude an Bewegung, Geselligkeit und Gesundheitsförderung, an erster Stelle stand.

Laufen war verboten, aber das Spiel blieb dynamisch, kommunikativ und voller Teamgeist – und damit wurde Walking Football geboren.

Heute ist daraus ein international wachsendes Phänomen geworden: ein Sport für Menschen, die sich bewegen, dazugehören und gleichzeitig ihre Liebe zum Fußball ausleben wollen.

Der Entwicklungs-Trainer: Geduld, Förderung, Freude am Fortschritt

„Im Gehfussball geht es vor allem darum, Menschen in Bewegung zu bringen – körperlich, sozial und emotional“, sagt Thomas R., Trainer eines Ü60-Teams in Nordrhein-Westfalen. Für ihn steht die Entwicklungsorientierung im Mittelpunkt: Spieler*innen sollen sich technisch verbessern, sich sicherer fühlen und die Freude am Spiel wiederentdecken.

Entwicklungs-Trainer*innen sehen jedes Training als Lernprozess. Sie fördern individuell, passen Übungen an Fitness, Alter und Erfahrung an. Fehler werden nicht sanktioniert, sondern als Lernchancen betrachtet.

Im Mittelpunkt steht der Mensch – nicht das Ergebnis.

„Wenn ein Spieler nach Monaten wieder schmerzfrei laufen kann oder sich traut, Verantwortung im Spiel zu übernehmen, ist das für mich ein Sieg“, sagt Thomas. „Und der zählt mehr als jedes Tor.“

Der Ergebnistrainer: Taktik, Strategie, der Wille zum Sieg

Trotz des gesundheitlichen Ursprungs bleibt der sportliche Ehrgeiz lebendig. Immer mehr Vereine organisieren Turniere und Ligen, bei denen der Wettkampfcharakter zählt. Hier kommen Ergebnistrainer*innen ins Spiel.

Sie orientieren sich stärker am Leistungsprinzip: Sie analysieren Gegner, entwickeln taktische Konzepte und optimieren das Zusammenspiel. „Nur weil wir gehen, heißt das nicht, dass wir nicht gewinnen wollen“, sagte mir ein Übungsleiter einer ambitionierten Walking-Football-Mannschaft. „Viele unserer Spieler waren früher aktiv, sie lieben die Herausforderung – nur eben ohne Sprintduelle.“

Für sie bedeutet Coaching, das Maximum aus dem vorhandenen Potenzial zu holen: taktisches Denken, Präzision, Kommunikation. Der Sieg ist das Ziel – aber immer im Rahmen von Fairness und Rücksicht.

Zwei Rollen – ein Ziel

In der Praxis gibt es keine klare Trennung zwischen Entwicklungs- und Ergebnistrainerinnen. Erfolgreiche Trainerinnen vereinen beide Ansätze.

Wer Gehfussball trainiert, muss fördern und fordern zugleich – Bewegungsfreude schaffen und gleichzeitig Strukturen bieten, in denen sportliche Erfolge möglich sind.

Die DFB-Entwicklungstreppe verdeutlicht diesen Gedanken: Sie stellt alters- und leistungsspezifische Entwicklungsprofile bereit, die langfristige Förderung ermöglichen, ohne den Bezug zum Wettkampf zu verlieren.

Auch im Gehfussball gilt: Entwicklung und Erfolg sind keine Gegensätze – sie bedingen sich gegenseitig.

Psychologie auf dem Platz

Gehfussball erfordert ein besonderes Gespür für Menschen. Viele Spieler*innen bringen gesundheitliche Einschränkungen oder langjährige Verletzungserfahrungen mit, aber auch enorme Spielintelligenz und Sozialkompetenz.

Entwicklungsorientierte Trainer*innen setzen auf Motivation, Zugehörigkeit und Erfolgserlebnisse. Sie schaffen eine Atmosphäre, in der jeder mitmachen kann, unabhängig vom Leistungsniveau.

Ergebnisorientierte Trainer*innen hingegen schärfen mentale Stärke, Teamstruktur und Disziplin – auch das kann befreiend wirken, wenn es respektvoll umgesetzt wird.

Beide Perspektiven tragen dazu bei, dass Spieler*innen aktiv bleiben, soziale Kontakte pflegen und sich fit halten – körperlich wie mental.

Vom Gesundheitsprojekt zur Bewegungskultur

Aus einer kleinen Initiative zur Gesundheitsförderung ist heute eine europaweite Bewegung geworden. Gehfussball ist mehr als Sport – er ist soziale Begegnung, Therapie und Lebensfreude zugleich.

Trainer*innen spielen dabei eine Schlüsselrolle: Sie übersetzen die Idee hinter dem Spiel in die Praxis, gestalten Trainings so, dass sie Spaß machen, fordern, aber nicht überfordern.

Gehen ist das neue Spielen

Im Gehfussball zählt jeder Schritt – ob in Richtung Tor oder Gesundheit.

Trainer*innen, die Entwicklung und Ergebnis klug verbinden, schaffen das, was John Croot einst beabsichtigte: Menschen zu bewegen – für ein aktiveres, gesünderes und gemeinschaftlicheres Leben.

Oder, wie ein Spieler nach einem Turnier lächelnd sagte:

„Früher bin ich gelaufen, um zu gewinnen. Heute gehe ich, damit ich weitermachen kann.“