Ansteuern von Muskelgruppen beim Walking Football
Bewusst bewegt: Wie Walking Football Körper und Geist verbindet Ein neuer Trainingsansatz hilft Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, wieder ins Spiel zu finden – im wahrsten Sinne.

Wenn ein Ball rollt, rollt oft mehr als nur das Spiel – für viele geht es um Teilhabe, Bewegung und das Gefühl von Zugehörigkeit. Walking Football – der Fußball im Gehen – gilt als niedrigschwellige Möglichkeit für ältere Menschen oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, sich sportlich zu betätigen. Doch ein scheinbar einfacher Bewegungsablauf stellt viele vor eine unerwartete Hürde: das Gehen.
„Rennen war immer da – nun geht es ums Gehen. Und das ist schwerer, als viele glauben“, erklärt Rolf Allerdissen, Initiator und Coach bei Gehfussball Deutschland. Der Grund: Jahrzehntelang automatisierte Bewegungsmuster aus dem klassischen Fußball verankern sich tief im motorischen Gedächtnis. Sobald der Ball rollt, schaltet der Körper in den gewohnten „Sprintmodus“. Gehen gegen den Instinkt – das ist eine mentale wie körperliche Herausforderung.
Das Gehirn muss umlernen
Die Lösung liegt im bewussten Ansteuern einzelner Muskelgruppen – ein Prinzip, das im Reha-Sport und in der Neuroathletik längst etabliert ist. Es nennt sich „neuromuskuläre Aktivierung“. Dabei wird gezielt trainiert, bestimmte Muskeln wieder wahrzunehmen, bewusst zu spüren und zu steuern. Es ist ein fein abgestimmtes Zusammenspiel aus Konzentration, Achtsamkeit und Bewegungskontrolle. Übungen wie langsames Einbeinstehen, Balanceaufgaben oder das Gehen mit Widerstandsbändern gehören dazu. „Es geht nicht nur um Kondition, sondern um Koordination. Der Körper soll begreifen: Ich bewege mich bewusst, Schritt für Schritt, gelenkschonend und kontrolliert“, sagt Allerdissen. Das sei essenziell – vor allem für Personen mit Übergewicht, geschwächter Muskulatur oder Mobilitätsdefiziten. Ein falscher Tritt, eine unachtsame Bewegung – und das Sturzrisiko steigt.
Mehr als Sport: Ein Achtsamkeitstraining
Die körperliche Komponente ist dabei nur eine Seite. Wer bewusst Muskeln ansteuert, trainiert auch sein Gehirn. „Bewegung wird wieder zur bewussten Handlung – das verändert den Umgang mit dem eigenen Körper“, erklärt Sportwissenschaftlerin Dr. Katharina Lohmann. Studien belegen, dass solche Trainingsformen nicht nur die körperliche Stabilität erhöhen, sondern auch das Selbstbewusstsein und die kognitive Präsenz fördern. In der Praxis sieht das etwa so aus: Nach einem kurzen Aufwärmen folgen gezielte Aktivierungsübungen. Die Teilnehmer konzentrieren sich auf ihre Körpermitte, lernen, ihre Schritte zu kontrollieren und mit den Armen im Takt zu schwingen. Danach wird das Gelernte in kleine Spielsituationen integriert. Der Ball rollt – aber diesmal nicht der Körper hinterher.
Gesundheit fördern – nicht nur Tore schießen
Der wöchentliche „Kick“ ist für viele ein Höhepunkt, ein Ritual. Doch reicht das aus, um langfristig die Gesundheit zu fördern? Allerdissen sieht das differenziert: „Einmal die Woche reicht nicht. Aber mit dem richtigen Training und gezielter Begleitung kann Walking Football ein Türöffner sein – für mehr Bewegung, für mehr Körperbewusstsein und für mehr Lebensqualität.“ Die Initiatoren von Gehfussball Deutschland arbeiten derzeit an einem strukturierten Trainingsmodul, das Elemente der Sturzprophylaxe, Achtsamkeit und neuromuskulären Aktivierung vereint. Unterstützt werden sie dabei von Physiotherapeutinnen, Sportpsychologinnen und erfahrenen Trainer*innen.
Der Weg zurück in Bewegung beginnt im Kopf
Walking Football ist mehr als ein Spiel. Es ist ein Systemwechsel: vom impulsiven Spiel zum bewussten Bewegen. Für viele, die durch Krankheit, Alter oder andere Faktoren ihre Mobilität verloren haben, ist es ein echter Neuanfang. Und vielleicht auch ein Appell an die Sportlandschaft: Gesundheitssport muss nicht langweilig sein. Er kann Spaß machen, fordern – und bewegen. In jeder Hinsicht.
Mehr Informationen und Trainingsangebote: www.gehfussball-deutschland.de

