Zwischen Kreis und Kern
Walking Football braucht Haltung, nicht immer neue Regeln
Teil II. der GEHZETTE-Trilogie über einen länderübergreifender Blick aus Deutschland und den Niederlanden

Walking Football ist von Natur aus mehr als nur eine Spielform ohne Laufen. Er ist Begegnung, Bewegung, Austausch – und immer öfter auch: Debatte. Besonders dann, wenn neue Regeln eingeführt werden, die eigentlich helfen sollen, aber am Ende genau das gefährden, was Walking Football im Kern ausmacht.
Aktuell diskutieren Teams aus Deutschland und den Niederlanden intensiv über die Frage des Torraums, über Kreise, Strafstöße und neue Auslegungen bestehender Regeln. Anlass sind Turniere und regionale Regelvarianten, die zunehmend für Irritation sorgen.
Der Kreis, der alles verändert
In einigen Regionen – etwa rund um Gelsenkirchen – wurde ein sogenannter Torraum-Kreis eingeführt. Die Idee dahinter:
Mehr Tore, weniger massives Verteidigen direkt vor dem Tor, ein offeneres Spiel.
In der Praxis zeigt sich jedoch ein anderes Bild.
Schon ein unabsichtlicher Schritt wenige Zentimeter in den Kreis kann zu einem Strafstoß führen. Müdigkeit, ein kleiner Ausrutscher, ein Moment der Unaufmerksamkeit – und plötzlich wird diskutiert, gepfiffen, sanktioniert.
Der niederländische Walking-Football-Akteur Huib Ruivenhorst bringt es auf den Punkt:
„Das haben wir doch nie gewollt. Wir wollten doch einfach Fußball spielen.“
Was als spielöffnende Maßnahme gedacht war, wird immer häufiger zum Diskussionspunkt – und nimmt dem Spiel genau das, was es tragen sollte: den natürlichen Spielfluss ohne permanente Regelangst.
Sicherheit oder Tempo?
Noch problematischer wird es beim Thema hoher Ball.
In Hamburg etwa gilt: Nur wenn der Ball bewusst über Hüfthöhe gespielt wird, liegt ein Regelverstoß vor. Prallt der Ball unkontrolliert ab und steigt hoch, läuft das Spiel weiter.
Was auf dem Papier nach Spielfluss klingt, birgt Risiken.
Zwei ältere Spieler, ein stuiternder Ball, beide gehen gleichzeitig hin – das ist kein theoretisches Szenario, sondern Alltag. Walking Football lebt von Kontrolle, nicht von Zufall.
Die Begründung für solche Regelanpassungen ist oft dieselbe:
Jüngere, leistungsorientiertere Spieler empfinden Unterbrechungen als störend. Das Spiel soll schneller werden, dynamischer, „moderner“.
Doch genau hier stellt sich eine grundsätzliche Frage:
Für wen ist Walking Football eigentlich da?
Turniere am Limit
Auch der Turnierbetrieb zeigt die Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
Acht oder neun Spiele à zwölf Minuten an einem Tag sind keine Seltenheit mehr. Am Ende sind viele Spieler schlicht erschöpft. Die soziale Komponente – das gemeinsame Gespräch, das Bier nach dem Spiel, das Zusammensitzen – fällt oft hinten runter.
Dabei sind Turniere im Walking Football nie nur Wettbewerb gewesen. Sie waren und sind Orte der Begegnung.
Zwei Formen – ein gemeinsamer Kern
Rolf Allerdissen unterscheidet deshalb bewusst zwischen zwei Ausprägungen:
- Recreational Walking Football nach John Croot
- Competitive Walking Football nach Paul Carr
Beide Formen haben ihre Berechtigung. Entscheidend ist jedoch, sie nicht zu vermischen – und vor allem nicht die eine der anderen unterzuordnen.
Walking Football ist kein „Alte-Herren-Fußball“ und kein 45+ mit angezogener Handbremse.
Er ist eine eigenständige Spielform mit einem klaren Auftrag:
- gesundes Bewegen
- sichere Rahmenbedingungen
- und vor allem: soziales Miteinander
Walking Football lebt von seiner Haltung, nicht von immer neuen Sonderregeln.
Je komplexer das Regelwerk wird, desto weiter entfernen wir uns vom Ursprung. Nicht alles, was schneller oder spektakulärer wirkt, ist auch besser – schon gar nicht für eine Sportart, die bewusst auf Achtsamkeit, Fairness und Gemeinschaft setzt.
Oder anders gesagt:
Manchmal ist weniger Kreis einfach mehr Kern.

